Zuneigung oder Anerkennung                                            

 

Sicherlich haben Sie schon einmal gesehen, dass jemand seinen Hund gelobt hat, weil dieser etwas richtig gemacht hat? Natürlich hat dieser Hund sein Herrchen intellektuell nicht verstehen können, aber er hat seine Zuneigung in diesem Moment emotional verstanden und sich darüber gefreut.

Vermutlich haben Sie auch schon einmal mitbekommen, dass jemand seinen Hund getadelt hat für etwas, das er zukünftig lassen sollte. Auch diesen Tadel wird der Hund nicht intellektuell verstanden haben, aber er fühlte die Ablehnung seines Herrchens und fühlte sich dementsprechend.

 

Auf diese Art und Weise erzieht man Hunde – mit Zuneigung und Ablehnung. Bekommt der Hund Zuneigung, freut er sich. Lehnen Sie ihn ab, fühlt er sich sehr elend.

Haben Sie diese beiden Maßnahmen schon einmal bei einer Katze versucht? Wie verhält sich eine Katze, wenn sie abgelehnt wird? Richtig, sie schnurrt Ihnen weiter um die Beine und tut so, als ob weiter nichts wäre. Genauso wenig interessiert sie sich für Ihr Lob. Die gemeine Hauskatze zeigt auf Ablehnung und Zuneigung keine nennenswerte Resonanz. Der Grund: Sie ist kein Rudeltier – ganz im Gegensatz zum Menschen.

 

Uns Menschen ist es in die Gene gelegt, dass wir uns gut fühlen, wenn wir Zuneigung bekommen. Im Gegenzug fühlen wir uns wie alle Rudeltiere schlecht, wenn wir abgelehnt werden. Diese beiden Reaktionen auf Zuneigung und Ablehnung müssen wir nicht erst lernen. Wir werden bereits damit geboren. Und wir benutzen diese beiden Erziehungsmaßnahmen wie alle Rudeltiere ganz automatisch im Umgang mit unseren Kindern. Wir lehnen unsere Kinder ab, wenn sie etwas falsch machen. Hingegen belohnen wir sie mit Zuneigung, wenn sie etwas in unserem Sinne Richtiges tun. Dabei ist es völlig unerheblich, ob unser Kind schon 42 Jahre alt ist und in Wirklichkeit Ehemann oder Schatzi heißt. Auch machen wir keinen Unterschied, ob unser Schatzi in Wirklichkeit unser Computer oder unser Auto ist, das nicht richtig funktioniert. Wir lehnen einfach alles und jeden ab, der nicht so funktioniert, wie wir das wollen. Ob es das Wetter ist, die Politik, der Duschkopf, der wieder mal nur kaltes Wasser liefert, oder unsere Figur. Wir lehnen sogar unsere schlechten Gefühle ab, damit sie weggehen. Und nicht zuletzt lehnen wir sogar uns selbst ab – als könnten wir wirklich sagen: „Mit mir will ich nichts mehr zu tun haben. Verschwinde!“

 

Hier unterscheiden wir uns von allen anderen Rudeltieren. Doch es gibt noch einen weiteren Unterschied: Wir Menschen können über uns selbst und unser Leben nachdenken. Manchmal ist unsere Intelligenz ein Segen und manchmal ein Fluch. Und manchmal können wir einen Fluch mit Hilfe unserer Intelligenz in einen Segen umwandeln! Und genau darum geht es in diesem Beitrag.

 

Aufgrund unserer instinktiv angeborenen Erziehungsmaßnahmen machen wir in unserem Verhalten für gewöhnlich keinen Unterschied zwischen Zuneigung und Anerkennung sowie zwischen Ablehnung und Tadel. Diese fehlende Differenzierung führte in unserer Kindheit zu einer schier unendlichen Kettenreaktion, die darüber entschied, ob wir später glückliche oder unglückliche Menschen wurden.

 

Gehen Sie als Gedankenspiel einmal in Ihre frühe Kindheit zurück. Damals als kleines Kind konnten Sie den Unterschied zwischen Zuneigung und Anerkennung noch nicht so erfassen, wie Sie das heute verstehen können. Heute wissen sie, dass sie Anerkennung bekommen, wenn sie etwas geleistet haben. Zuneigung hingegen bekommen Sie einfach dafür, dass Sie so sind, wie sie sind. Aufgrund der modernen Glücksforschung wissen wir, dass Zuneigung durch das Erkennen von Gemeinsamkeiten und Ergänzungen entsteht. Erinnern Sie sich daran, wie Sie das letzte Mal mit jemandem, der Ihre große Liebe werden sollte, im Restaurant saßen, um sich kennen zu lernen? Worüber haben Sie gesprochen? Ich kann es Ihnen sagen – über all die vielen großen und kleinen Interessen im Leben, die Sie gemeinsam hatten. Über alle Charaktereigenschaften, die gut miteinander harmonierten oder die Sie sogar gemeinsam hatten. Möglicherweise haben Sie sich sogar über gemeinsame Lebensziele oder Wertvorstellungen unterhalten. Und jedes Mal, wenn Sie eine Gemeinsamkeit fanden, fühlten Sie sich gut. Sie stellten bei all diesen Gemeinsamkeiten fest, dass Sie gut zusammenpassten, und waren sich auf Anhieb sympathisch. Aus dieser Sympathie entstand mit der Zeit tiefere Zuneigung und möglicherweise sogar Liebe. Das ist der natürliche Vorgang, über den wirkliche Zuneigung oder Liebe entsteht. Die Leistungen Ihres Gegenübers waren nur oberflächlich wichtig und reichten sicherlich nicht aus, um eine glückliche Beziehung zu führen.

 

Bei einer Mutter, die ihr Kind zu Welt bringt, gibt es natürlich noch andere Gründe, aus denen heraus Zuneigung in Form von Liebe entsteht. Doch auch bei diesen Gründen spielt die Leistung des Kindes absolut keine Rolle. Es erhält die Zuneigung völlig unabhängig von Leistung einfach dafür, dass es so ist, wie es ist.

 

Wenn Eltern ihrem neugeborenen Kind diese Zuneigung entgegen bringen, ist dies für das Kind über alle Maßen beglückend. Doch leider stellen kleine Kinder auch mal etwas an, was sie selbst und andere gefährdet. Verantwortungsbewusste Eltern müssen also eingreifen und das Kind erziehen. Die Maßnahmen, die ihnen dazu zur Verfügung stehen, bestehen im ersten Lebensjahr in den instinktiv angeborenen Erziehungsmaßnahmen, auf die das Kind auch von Geburt an Resonanz hat.

 

Eltern lehnen also ihr Kind scheinbar ab, um es zu tadeln und damit dazu zu bringen, etwas Schlimmes, wie zum Beispiel auf die heiße Herdplatte fassen zu wollen, nicht mehr zu tun. Eine andere Möglichkeit haben Eltern in dem ersten Lebensjahr eines Kindes noch nicht. Sie können dem Kind noch nicht intellektuell erklären, was passiert, wenn es auf die Herdplatte fasst. Daher bleibt ihnen nur noch die Ablehnung als Maßnahme.

 

In Wirklichkeit lehnen sie ihr Kind natürlich nicht ab. Wirkliche Ablehnung würde bedeuten, dass sie von ihrem Kind für alle Zeit nichts mehr wissen wollen. Das ist ja sicherlich nicht der Fall, wenn sie ihr Kind vor einer Verletzung schützen wollen. Es ist also eine Art manipulativer Ablehnung, die einem guten Zweck dient.

 

Hingegen bringen Eltern ihren Kindern Zuneigung entgegen, wenn diese etwas Gutes getan haben. Auch hier würde ein Kind eine intellektuelle Anerkennung für seine Leistungen noch nicht verstehen.

 

Es liegt auf der Hand, dass ein Kind in diesem Alter noch nicht zwischen Zuneigung und Anerkennung sowie zwischen Ablehnung und Tadel unterscheiden kann. Es erlebt ja ständig, dass es Zuneigung bekommt, weil es in den Augen seiner Eltern Leistung erbracht hat. Auch erlebt es, dass es abgelehnt wird, wenn es etwas Schlechtes macht oder irgendetwas nicht auf die Reihe bekommt.

 

Werden diese Erfahrungen im weiteren Verlauf der Kindheit nicht richtiggestellt, wird dieses Kind sein gesamtes Leben auf diesen falschen Schlussfolgerungen aufbauen. Es wird fortan versuchen, alles richtig zu machen und es anderen immer recht zu machen, um gemocht zu werden. Gleichzeitig wird es Fehler vermeiden wollen, um nicht abgelehnt oder gar aus unserer Gesellschaft ausgeschlossen zu werden.

 

Aufgrund der menschlichen Rudelinstinkte gehört es für uns zu den schlimmsten Lebenserfahrungen, von allen Menschen abgelehnt oder ausgeschlossen zu werden. Nicht zu Unrecht gilt zum Beispiel Mobbing am Arbeitsplatz als eine der häufigsten Krankheitsursachen und das Gefühl der Wertlosigkeit als Basis einer jeden Depression.

 

Hingegen gehört Zuneigung in Form von Freundschaft oder Liebe zu den beglückendsten Erfahrungen auf diesem Globus überhaupt. Jeder Menschen strebt instinktiv danach und wünscht sich nichts sehnlicher, als einfach so gemocht zu werden, wie er ist. Und genau diese Erfahrung liegt jetzt für Sie zum Greifen nahe.

 

Stellen Sie sich einmal vor, Ihre Eltern hätten Ihnen als Kind frühestmöglich gezeigt, dass sie Sie lieben, weil Sie so sind, wie sie sind. Gleichzeitig zu dieser Liebe hätten sie Ihnen jedoch, wenn nötig, auch mal Tadel entgegengebracht, ohne Ihnen die Zuneigung währenddessen zu entziehen. In Situationen, in denen Sie als Kind eine Leistung erbracht haben, hätten Ihre Eltern Ihnen Anerkennung entgegengebracht und sich mit Ihnen gefreut, ohne Ihnen jedoch dadurch mehr Zuneigung zu geben. Die wäre stets konstant geblieben.

 

Was hätten Sie als Kind über sich und das Leben gelernt? Wären Sie so überhaupt auf die verrückte Idee gekommen, dass etwas leisten müssen und über alle Maßen hinaus toll sein müssen, um Zuneigung zu bekommen? Sicherlich nicht! Sie hätten Leistung erbracht, weil Sie Lust darauf gehabt hätten, und die Anerkennung Ihres Umfeldes zusätzlich zu Ihrer ohnehin vorhandenen Freude eingesteckt. Dabei wäre Ihnen jedoch jederzeit bewusst gewesen, dass sie auch ohne diese Leistung gemocht oder gar geliebt werden, da man Sie nicht Ihrer Leistungen wegen mag, sondern weil sie so sind, wie sie sind. Man mag Sie, weil sie gut zu Ihren Freunden und Bekannten passen. Das ist der einzige Grund. Die Menschen, die sie mögen, fühlen sich wohl mit Ihnen, weil es einfach passt zwischen Ihnen.

 

Wenn Sie an dieser Tatsache zweifeln, dann fragen Sie doch einmal Ihre Freunde, warum sie Sie mögen. Ist es, weil sie Leistungen erbringen oder weil man Sie einfach als Persönlichkeit schätzt? Wie ist es mit Ihnen? Warum mögen Sie Ihre Freunde in Wirklichkeit? Mögen Sie sie wegen ihrer Leistungen oder weil es vom Herzen her stimmt?

 

Für die meisten Menschen besteht der Hauptmotor in Ihrem Leben darin, Leistungen zu erbringen und toll zu sein, um dadurch letztendlich Zuneigung zu bekommen. Leider bekommt man keine wirkliche Zuneigung dadurch, dass man Leistungen erbringt, wie neueste wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen. Man bekommt echte Zuneigung ausschließlich dafür, dass man zusammenpasst. Der Mensch verfügt sogar über Organe, die jenseits der Schwelle unseres Bewusstseins feststellen, ob wir zusammenpassen. In der Nase haben wir zum Beispiel ein Organ, das anhand von Pheromonen bestimmte genetische Eigenschaften unseres Gegenübers ermittelt, um zu bestimmen, ob er als Beziehungspartner und damit als Vater oder Mutter von gesunden Nachkommen geeignet ist oder nicht. Natürlich gibt es darüber hinaus noch viele Kriterien dafür, ob wir jemanden als passend empfinden oder nicht. Alle diese Kriterien haben eines gemeinsam: Sie beziehen sich auf die Persönlichkeit und nicht auf vorzeigbare Leistungen. Diese führen nur vorübergehend zu Interesse, weil wir gelernt haben, dass man einen Menschen mögen muss, der Leistungen vorzuweisen hat.

 

Sicherlich sind Sie schon einmal einem Menschen begegnet, den Sie allein aufgrund seines Äußeren oder seiner Leistungen interessant fanden. Und sicherlich haben Sie dann nach einiger Zeit festgestellt, dass Sie sich mit diesem Menschen nicht wirklich wohl fühlten, weil es einfach vom Herzen her nicht passte.

 

Dennoch bilden wir uns alle ein, dass wir toll sein müssen, Leistungen erbringen müssen, keine Fehler machen dürfen usw., damit wir gemocht oder geliebt werden können. Diese falschen Schlussfolgerungen treiben uns fast jede Sekunde unseres Lebens an. Wir schlüpfen in Rollen, um anderen zu gefallen, wir versuchen, Status und Ansehen zu erreichen, um anderen zu gefallen, und das permanent und ohne Unterlass.

 

Doch wie wirken wir tatsächlich mit diesen Maßnahmen auf unser Umfeld? Mag man uns wirklich mehr, weil wir jedem andauernd erzählen wollen, wie toll wir sind und was wir wieder geleistet haben? Gefährden wir damit nicht eher unsere Freundschaften, als dass wir sie fördern?

 

Und wie sieht es in unseren Partnerbeziehungen aus? Sichern wir wirklich unsere Beziehung, indem wir unseren Partner mit den benannten instinktiven Erziehungsmaßnahmen bedenken, damit er sich ändert?

Wie reagieren Sie darauf, wenn Ihr Partner Sie ablehnt? Ich vermute, Sie reagieren so wie wir alle instinktiv mit Gegenablehnung. Worauf Ihr Partner Sie noch mehr ablehnen wird, und sie Ihn wiederum ebenfalls mehr. Dann wird einer von Ihnen beiden Schuldzuweisungen machen, die natürlich instinktiv sofort mit einer Gegenschuldzuweisung beantwortet werden. Als nächste instinktive Maßnahme wird möglicherweise zum Beleidigtsein gegriffen. Die Gegenreaktion fällt entsprechend aus.

Es wird also gestritten bis aufs Messer. Passieren diese unsinnigen instinktiven Auseinandersetzungen häufig, ist dies das sichere Ende einer jeden Beziehung.

Dabei wollte man mit diesen Erziehungsmaßnahmen doch eigentlich nur sagen: „Du Schatz, ich habe da ein kleines Problem über das ich gerne mit dir reden und eine gemeinsame Lösung finden würde.“

Überlassen wir unseren Instinkten die Auseinandersetzung gewinnt in Wirklichkeit niemand den Kampf. Schalten wir jedoch unsere Vernunft ein, können wir eine gemeinsame Lösung finden, die für beide Seiten gut ist. Doch dazu müssten wir unsere Instinkte erst einmal kurz stoppen, um unsere Vernunft einzuschalten. Und das ist ganz einfach!

Probieren Sie es aus! Es gibt Momente, da sagt Ihnen Ihr Instinkt in seiner emotionalen Sprache sehr deutlich: „Reg dich auf!“

Jetzt müssen Sie Ihm nur schnell genug antworten und sagen: „Warte mal! Ich glaube es ist besser, wir schalten die Vernunft ein.“

Versuchen Sie es. Sie werden feststellen, es klappt. Wir sind vernunftbegabte Menschen. Wir sind unseren tierischen Instinkten nicht ausgeliefert. Wir müssen es einfach nur tun und die Führung übernehmen.

 

Leider kann ich an dieser Stelle nicht die gesamte Tragweite aufzeigen, welche die fehlende Differenzierung zwischen Zuneigung und Anerkennung sowie Ablehnung und Tadel in unserem Leben ausmacht. Zu diesem Thema gäbe es noch sehr viel zu sagen.

Tatsächlich bauen über 90 % aller unserer Probleme in unseren Beziehungen, unseren Freundschaften, unserem Arbeitsplatz oder mit uns selbst auf diese fehlende Differenzierung auf – eine Tatsache die zeigt, dass offensichtlich niemand von uns von seinen Eltern gelernt hat, wofür man Zuneigung und wofür man Anerkennung bekommt.

 

Bis heute ist mir noch kein einziger Mensch begegnet, der in seiner Kindheit den Unterschied zwischen Zuneigung und Anerkennung gelernt hat. Doch dazu ist es nie zu spät. Man kann diese Differenzierung auch heute noch vollständig ins eigene Leben integrieren. Eine einfache Maßnahme dazu besteht in dem eben beschriebenen inneren Dialog mit seinen Instinkten. Sie können einfach sagen: „Warte mal! Wir schalten erst einmal die Vernunft ein.“

Diese Maßnahme können Sie neben dem eben beschriebenen gegenseitigen Erziehungskampf in einer Partnerbeziehung auch immer anwenden, wenn sie sich Stress machen, weil sie wieder einmal glauben, toll sein zu müssen, um andere zu beeindrucken oder weil sie meinen, Leistung erbringen zu müssen, damit man Sie mag. Oder Sie schwärmen für jemanden, der irgendetwas Tolles vorzuweisen hat, der aber nicht wirklich zu Ihnen passt. Sie können also mit diesem kleinen inneren Dialog dafür sorgen, dass Sie sich nicht immer in den Falschen verlieben.

 

Wie gesagt gibt es noch sehr viele Konsequenzen auf unser Lebensglück, die aus der fehlenden Differenzierung zwischen Zuneigung und Anerkennung resultieren. Alle kann ich sie an dieser Stelle leider nicht darstellen. Aber ich denke, dass die kleine Maßnahme "Warte mal!" Ihr Leben bereits um einiges einfacher und glücklicher machen wird.

 

Ich wünsche Ihnen alles erdenklich Liebe.

 

Bodo (alias Ella Kensington)                                                                         Zurück>>